Ungleichheit: Wer viel erbt, zahlt kaum Steuern

Ungleichheit: Wer viel erbt, zahlt kaum Steuern

„Wenn ich dieses Elend verlasse und ein Testament hinterlasse“, schreibt Goethe in Hans Liederlich, „wird es nur zu Streitereien kommen.“ Möglicherweise ist der Altmeister nur teilweise mit der Gegenwart vereint. Für die 600 Deutschen, die 2018 mehr als zehn Millionen Euro geerbt oder erhalten haben, gilt das jedenfalls nicht. „Man kämpft nur“? Kaum. Denn die Haupterben mussten nicht ernsthaft mit dem Finanzamt teilen. Zusammen erhielten sie 31 Milliarden Euro, eine Summe, die fast so hoch ist wie die Gesamtinvestition des Bundes oder das jährliche Kindergeld für zehn Millionen Eltern. Die Haupterben zahlten auf diese 31 Milliarden lediglich fünf Prozent Steuern, wie aus Schätzungen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Dieser geringe Prozentsatz mag jeden überraschen, der weiß, dass das Gesetz neben Befreiungen und für weiter entfernte Verwandte auch Erbschaftssteuern von 30 bis 50 Prozent vorsieht. Und dass für Arbeitnehmer ab einem Bruttomonatseinkommen von etwa 5.000 Euro der maximale Einkommensteuersatz von 42 Prozent gilt. Wie sind die großen billigen Erbschaften möglich, die eine parlamentarische Anfrage der Linken ans Licht bringt? „Bei einer Vererbung oder Verschenkung eines Unternehmens fallen die Steuern meist deutlich niedriger aus als bei Wertpapieren oder Immobilien“, erklärt Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Und die Hauptvermögenswerte sind größtenteils Unternehmen.“

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Dadurch entstehen starke Kontraste. „Die ärmere Hälfte der Bevölkerung erbt fast nichts“, weiß Bach aus seiner Forschung. Jeder steuerpflichtige Mittelstand, der bis zu einer Million Euro erhält, zahlt durchschnittlich zehn Prozent an die Staatskasse. Wer hingegen mehr als 100 Millionen Euro erhält, muss statistischen Angaben zufolge nur die Hälfte abgeben. Zwei Drittel dieser XXL-Erben, die im vergangenen Jahr zusammen 15 Milliarden Euro eingesammelt haben, zahlten nichts.

„Deutschland ist ein Steuerparadies für Milliardäre“

„Je größer das geerbte oder geschenkte Vermögen, desto geringer ist die Steuerlast“, schlussfolgert Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. „Deutschland ist ein Steuerparadies für Milliardäre. Es ist äußerst ungerecht, dass Kinder in Armut leben müssen, dass Rentner immer mehr zahlen müssen, dass die Mittelschicht keine nennenswerten Entlastungen erhält und dass superreiche Erben und Begünstigte kaum astronomische Steuerbeträge zahlen.“

Wirtschaftsverbände setzen sich vehement für gesetzliche Ausnahmeregelungen für Unternehmenserben ein. Die Vermögenswerte liegen in der Regel im Unternehmen. Müssten höhere Steuern gezahlt werden, würde dies zum Verkauf von Aktien führen. Dies ist beispielsweise in Familienunternehmen kompliziert und kann dennoch negative Auswirkungen haben. Generell sicherten die Ausnahmen viele Arbeitsplätze, insbesondere in mittelständischen Unternehmen.

Auch Ökonomen wie Stefan Bach halten es für richtig, Unternehmensübertragungen zu begünstigen, um Schäden für die Gesamtwirtschaft zu vermeiden. „An die Politik sollte gedacht werden“, sagt der DIW-Steuerexperte. „Aber nicht so sehr wie heute. Sonst wird die Legitimität der Erbschaftssteuer zerstört, deren Ziel es ist, das Vermögen zu erfassen, das jemand ohne Aufwand erwirbt.“

Das Bundesverfassungsgericht kritisierte 2014 das Ausmaß der Differenzen zwischen dem Unternehmen und anderen Erben. Die Bundesregierung musste die Vorschriften verschärfen. Aufgrund des wirtschaftlichen Drucks kam man jedoch zu dem Schluss, dass sich kaum etwas geändert hat. „Die aktuellen Reichensteuern verstärken die Ungleichheit in Deutschland weiter“, analysiert Bach.

Nach Angaben der Europäischen Zentralbank ist das Durchschnittsvermögen in der Bundesrepublik geringer als in fast allen anderen Euro-Ländern. Nach Berechnungen des DIW besitzen rund 40 wohlhabende Haushalte, oft Erben von Unternehmen wie Aldi oder BMW, so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung. Wer etwas erbt oder bekommt, erhält in der Hälfte der Fälle weniger als 50.000 Euro. Erbschaften über fünf Millionen machen 0,1 Prozent der Fälle aus, aber die Hälfte aller übertragenen Unternehmensvermögenswerte.

Spenden oder Stiftungen sollen Ihnen helfen, Steuern zu vermeiden.

Um Steuern für ihre Erben zu sparen, schenken Eigentümer das Unternehmen häufig im Voraus oder entscheiden sich für Gründungslösungen. Wie viel Steuer durch Spenden tatsächlich anfällt, zeigen Auswertungen des Statistischen Bundesamtes. Oder besser gesagt: wie wenig. Von den rund 30 Bürgern, die 2018 100 Millionen Euro oder mehr geschenkt bekamen, zahlten nur fünf etwas. Im Durchschnitt waren es insgesamt 0,2 Prozent Steuern.

„Die Steuersätze von Apple gelten offensichtlich für die Superreichen in Deutschland“, kritisiert Dietmar Bartsch. „Das deutsche Steuersystem schafft eine wohlhabende Aristokratie, die weitgehend von Beiträgen an die Allgemeinheit befreit ist. Wir brauchen eine große Reform, die Superreiche und Konzerne zur Kasse bittet und gleichzeitig die Einkommen sowie den Mittelstand entlastet.“

Stefan Bach fordert eine Mindeststeuer von 10 bis 15 Prozent für das Vermögen großer Unternehmen. Die jährlichen Einnahmen aus der Erbschaftssteuer von derzeit sieben Milliarden Euro würden sich verdoppeln. „Das Geld könnte zur Entlastung der bedrängten Mittelschicht genutzt werden“, schlägt der DIW-Ökonom vor. „Oder die Bildungsausgaben für die ärmere Hälfte der Bevölkerung erhöhen, die nichts erbt.“

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