Mirjam Hostetmann und Nathalie Ruoss vom Präsidium der Sozialistischen Jugend, die die Erbschaftssteuerinitiative ins Leben gerufen haben. Keystone / Alessandro Della Valle
Am 30. November wird die Schweiz zwei Volksinitiativen mit klaren Mehrheiten begraben. Corina Schena, Politikwissenschaftlerin bei gfs.bern, rangiert.
Dieser Inhalt wurde am 30. November 2025 – 15:45 Uhr veröffentlicht
Swissinfo: Zwei herbe Niederlagen für zwei durchaus utopische Volksinitiativen. Dient das Initiativrecht manchmal auch dazu, Utopien zu begraben?
Corina Schena: Initiativen sind immer ein Instrument, um Themen auf die Tagesordnung zu bringen und Debatten anzustoßen. Wenn sie aber so klar und deutlich scheitern wie heute, führt das auch zu der Frage, ob es den Sachverhalten nicht mehr geschadet hat, sowohl bei der Erbschaftssteuer als auch bei der allgemeinen Dienstpflicht.
Die Diskussion um die Erbschaftssteuer war polarisiert, aber auch heftig. War die Sozialistische Jugend (Juso) trotz ihrer Wahlniederlage erfolgreich? Mit anderen Worten: Haben sie das Problem angesprochen?

Corina Schena, Politikwissenschaftlerin bei gfs.bern. zvg
Ja, die Schweiz ist besorgt über dieses Problem. Aus Sicht der Juso kann dies vielleicht als Erfolg gewertet werden. Und doch stellt das Ergebnis eine deutlichere Niederlage dar als vor zehn Jahren, als die Schweiz über eine Erbschaftssteuer abstimmte. Damals lag die Zustimmung bei mindestens 29 Prozent.
Aber es gibt einen Unterschied. Auch von einer Erbschaftssteuer war die Rede, diesmal jedoch als Reichensteuer. Wäre eine umfassendere und vielleicht besser durchdachte Erbschaftssteuer wahrscheinlicher gewesen?
Dass die Juso-Initiative mit einer 50-Prozent-Steuer so extrem war, hat sicherlich nicht geholfen. Für die meisten Menschen war dieser Steuersatz einfach zu hoch. Im Jahr 2015 lautete der Vorschlag 20 % auf Vermögenswerte ab 2 Millionen Franken. Das war zwar in diesem Sinne weniger extrem, hatte aber auch keine Chance.
Der Wunsch, Superreichen eine höhere Steuerpflicht aufzuerlegen, entspricht einem breiten internationalen Trend. Nun beteiligt sich die Schweiz hieran entschieden nicht. Wie lässt sich das erklären?
Im Wahlkampf wurde viel mit der Vorstellung gespielt, dass von dieser Steuer vor allem Familienunternehmen betroffen sein würden. Sobald wir davon sprechen, Familienunternehmen hierzulande besonders stark zu besteuern, wird die Ausgangssituation sehr, sehr schwierig. In der Schweiz sind die Beziehungen zu diesen Unternehmen traditionell eng.
Vor einigen Wochen führte die Juso eine zerstörerische Demonstration in Bern an. Hat das Ihrer politischen Sache geschadet?
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Einen direkten Zusammenhang sehe ich nicht. Es ist immer schwierig, wenn ein Schauspieler negativ auffällt. Doch das führte nicht zum Scheitern dieser Initiative.
Die Unterstützung seitens der Mutterpartei, der Sozialdemokratischen Partei (SP), war recht gering. Ist das ein Grund für das klare Scheitern?
Wenn wir uns das linke Lager ansehen, zu dem auch die Grünen gehören, fällt auf, dass es kein einheitliches Votum gab. Was die Gründe dafür sind, ist derzeit noch unklar. Die Forderungen waren wohl selbst für SP- und Grüne-Sympathisanten zu radikal.
Aber dieses Mal konnte die Linke nicht einmal ihre eigenen Stammwähler aktivieren?
Offensichtlich nicht. Die Linke hat das Potenzial, rund ein Drittel der Wähler in der Schweiz anzuziehen. 21 % liegen deutlich unter dieser Marke.
Das Ergebnis des Bürgerdienstes, einer Dienstpflicht für alle, ist eines der schlechtesten in der Geschichte. Wie interpretieren Sie das?
Es ist die Initiative mit der zweitniedrigsten Zustimmung seit 25 Jahren, also eine historische Niederlage. Einen Grund dafür sehe ich vor allem darin, dass das Fördergremium sehr klein war. Zudem wurde er Opfer eines Zangenangriffs von links und rechts. Von links wurde das Argument der Geschlechtergleichheit angegriffen. Die Rechten sahen das Armeepersonal und damit die Sicherheit der Schweiz in Gefahr.
Die Service-Citizen-Initiative wurde im Vorfeld kaum ausführlich oder breit diskutiert. Außer den Grünliberalen war keine große Partei dafür. Hatte diese Initiative von Anfang an keine Chance?
Tatsächlich ist es in der Schweiz nahezu unmöglich, Mehrheiten zu finden, wenn große Teile der politischen Mitte fehlen. Lediglich die Grünliberale Partei und die Evangelische Volkspartei sind eine zu kleine Gruppe, um eine mehrheitsfähige Initiative vorzulegen.
Welche Rolle spielte die Bereitschaft der Frauen, ihrem Land zu dienen? Kann das jemals eine Mehrheit gewinnen?
Das ist schwer zu sagen, aber nach der heutigen Abstimmung kann man mit Sicherheit sagen, dass es in der Schweiz derzeit keine Möglichkeit gibt, dass Frauen den allgemeinen Wehrdienst leisten.
Was lässt sich über die Mobilisierung sagen?
Es ist klar, dass die Juso-Initiative die Menschen dazu ermutigt hat, zur Wahl zu gehen. Die Wahlbeteiligung war nicht sehr hoch: 43 %. Aber wenn man bedenkt, dass der Ausgangspunkt beider Initiativen relativ klar war, ist das keine Kleinigkeit. In diesem Sinne hat die Erbschaftssteuerinitiative die Wählerschaft durchaus bewegt.
Herausgegeben von Mark Livingston.
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Ergebnisse der Abstimmung vom 30. November 2025 in der Schweiz
Dieser Inhalt wurde am 30. November 2025 veröffentlicht. Die Schweizer Wähler werden darüber entscheiden, ob sie einen Milizdienst für alle einführen und die Erbschaften der Reichen besteuern, um die globale Erwärmung zu bekämpfen. Alle Ergebnisse finden Sie hier.
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