Die sieben deutschen Patentgerichte verzeichneten im Jahr 2023 601 neue Patentstreitigkeiten, ein Rückgang von 23,6 % im Vergleich zum Vorjahr. Erstmals sank die Zahl deutlich unter 700 Fälle. Dies entspricht einem Rückgang um ein Drittel im Vergleich zu 2017, als JUVE Patent die Zahlen erstmals analysierte.
München, Deutschlands zweitgrößter Standort für Patentstreitigkeiten, verzeichnete im Vergleich zum Vorjahr einen minimalen Rückgang. Im Jahr 2023 wurden am Landgericht München 215 neue Patentverfahren verhandelt, nur ein Fall weniger als im Jahr 2022. Dies entspricht einem Rückgang von 0,5 %. Allerdings war der Rückgang bei der Zahl der verhängten Strafen etwas größer: 49 im Vergleich zu 55 im Vorjahr. Gleichzeitig wurden 155 Verfahren auf andere Weise gelöst, verglichen mit 184 im Jahr 2022.

München sieht wichtige Fälle
München bleibt ein wichtiger Standort für Rechtsstreitigkeiten im Mobilfunksektor, wie die jüngsten Urteile im Rechtsstreit von InterDigital mit Lenovo und Oppo zeigen. Weitere Beispiele sind Datangs Kampf mit Samsung und der Streit zwischen Huawei und AVM, der kürzlich beigelegt wurde. Im Jahr 2023 legte Panasonic Berufung beim Landgericht München ein und verfolgte gleichzeitig seine weltweite Prozesskampagne gegen Oppo und Xiaomi. Das japanische Unternehmen reichte neue Klagen gegen die beiden chinesischen Testamentsvollstrecker vor dem Landgericht Mannheim, dem UPC und dem britischen High Court in London ein.
Auch im Pharmabereich hat das Münchner Gericht spektakuläre Urteile gefällt, etwa zur Auslegung der SPC-Ausnahme im ebenfalls kürzlich beigelegten Rechtsstreit zwischen Janssen Biotech und Formycon.
Im Gegenteil: Die 44. Zivilkammer verhandelt praktisch keine Patentverfahren mehr. Um dem überraschenden Anstieg neuer Fälle im zweiten Jahr der COVID-19-Pandemie zu begegnen, hat das Münchener Gericht 2021 die dritte Patentkammer eingerichtet. Während die grundsätzliche Zuständigkeit für Patentsachen erhalten bleibt, werden diese nun in der Regel den beiden anderen Kammern zugewiesen.
Starker Rückgang in Düsseldorf
In Düsseldorf, dem beliebtesten Standort für deutsche Patentfälle, fielen die Zahlen ernüchternder aus. Einen starken Rückgang verzeichnete das Landgericht Düsseldorf mit 237 neuen Patentfällen im Jahr 2023, knapp 36,5 % weniger als im Vorjahr (373 Fälle). Gleichzeitig fällten die Richter der drei Zivilkammern in Düsseldorf 87 Urteile, im Vergleich zu 102 im Jahr 2022, während 262 Streitigkeiten auf andere Weise, etwa durch Vergleich oder Rücknahme der Klage, beigelegt wurden. Im Jahr 2022 waren es 311.
Vor dem Düsseldorfer Landgericht wurden kürzlich mehrere wichtige Verfahren zu Arzneimittelpatenten verhandelt. Ein wichtiger Fall war CureVac gegen BioNTech und Moderna bezüglich mRNA-Patenten. Ein weiterer wichtiger Fall war der Streit zwischen Mundipharma und Glenmark um Schadensersatz im Zusammenhang mit dem Schmerzmittel Targin. Darüber hinaus spielen weiterhin Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit komplexen Technologien, beispielsweise zwischen Intel und R2 Semiconductor über CPUs, eine Rolle.
Darüber hinaus hat der Präsident der Zivilkammer 4b Düsseldorf, Daniel Voß, eine Stelle als nebenamtlicher Rechtsrichter bei der Ortsgruppe des UPC in München angenommen. Als JUVE Patent 2022 nach seinen Lieblingsrichtern für Patentverletzungsfälle in Deutschland fragte, wählten internationale Patentexperten Daniel Voß mit 12,7 % an die Spitze der Liste.
Mannheim verzeichnet drastischen Rückgang bei Rechtsstreitigkeiten
Von den drei größten deutschen Patentzentren verzeichnete Mannheim den stärksten Rückgang der Fallzahlen. Mit nur 70 neuen Patentklagen im Jahr 2023 lag das Gericht 47,4 % hinter dem Vorjahr, in dem Kläger 133 neue Klagen eingereicht hatten. Zur Anzahl der Sätze liegen keine Zahlen vor.
Das Landgericht hatte 2023 die 14. Zivilkammer als dritte Kammer für Patentstreitigkeiten geschaffen. Als die Fälle jedoch abgelehnt wurden, löste das Gericht im Januar 2024 die Siebte Zivilkammer auf.
Dennoch bleibt Mannheim wichtig. Neben München wird das Landgericht auch Nokias Streitigkeiten mit Amazon und Vivo verhandeln. Darüber hinaus geht Panasonic hier gegen Xiaomi vor.
Nicht alle Gerichte sehen eine Rezession
Erneut haben Kläger in Hamburg neue Patentklagen eingereicht. Im Vergleich zu 28 neuen Klagen im Jahr 2022 stieg die Zahl der Fälle auf 38 im Jahr 2023, was einem Anstieg von 35,7 % entspricht. Allerdings sank die Zahl der Strafen um 35 % auf 13, verglichen mit 20 im Vorjahr. Im Jahr 2023 wurden 17 Verfahren auf andere Weise gelöst, im Vergleich zu fünf im Jahr 2022.
Auch das Landgericht Nürnberg verzeichnete einen Anstieg der Fallzahlen. Das Patentgericht zählte im Jahr 2023 15 neue Patentklagen, fast doppelt so viele wie im Vorjahr, acht Klagen. Allerdings liegen sie auf einem deutlich niedrigeren Niveau als das Nachbargericht München. Während die Nürnberger Patentrichter im vergangenen Jahr über kein Verfahren entschieden, endeten acht auf andere Weise.

Mit 18 neuen Verfahren registrierte das Frankfurter Gericht nur einen Fall weniger als im Vorjahr. Richter erließen zehn Entscheidungen in Patentfällen, während die Parteien in acht weiteren Fällen einen Vergleich einigten oder sie zurückzogen.
Das Landgericht Braunschweig liegt mit acht neuen Klagen auf dem letzten Platz, ein Rückgang von 20 % im Vergleich zum Vorjahr. Das Gericht verhandelt häufig Fälle im Zusammenhang mit Beschlagnahmungen auf großen Industriemessen in Hannover.
Der UPC verschärft den Rückgang
Obwohl die Zahl der Klagen vor deutschen Patentgerichten seit Jahren rückläufig ist, gab es einen so starken Rückgang nicht mehr, seit JUVE Patent im Jahr 2017 mit der Analyse der Zahlen begann. Dass diese Entwicklung mit dem Einführungsjahr des UPC zusammenfällt, ist sicherlich kein Zufall. Im vergangenen Jahr verzeichnete das neue Europäische Patentgericht einen stetigen Anstieg der Klagen.
Besonders zahlreich sind die Forderungen in den deutschen Divisionen. Laut UPC-Statistik wurden von den 373 bis Ende Mai 2024 beim neuen Gericht eingereichten Beschwerden 260 in den vier deutschen Bezirkskammern Düsseldorf, Hamburg, Mannheim und München eingereicht. Damit sind mehr als 69,7 % der UPC-Klagen bei den deutschen Abteilungen des UPC anhängig (Verletzungs-, Nichtigkeits-, Schutzrechtsanmeldungs- und Nichtigkeitswiderklagen).
Mit 143 aller Schadenfälle führt der Ortsverband München an, gefolgt von Düsseldorf mit 50 und Mannheim mit 43. Hamburg liegt mit 24 UPC-Fällen auf dem vierten Platz.
Neuorganisation in Mannheim und Düsseldorf
Viele der großen europaweiten Patentstreitigkeiten fanden auch vor dem UPC statt. Panasonic beispielsweise verklagt Oppo und Xiaomi vor dem neuen Gericht sowie den Landgerichten in Mannheim und München. Amgen steht Sanofi vor dem Landgericht München und dem Landgericht München gegenüber.
Die UPC reagierte jüngst auf die hohen Fallzahlen mit einer Erhöhung ihrer Kapazitäten. Das Gericht ernannte nicht nur Bérénice Thom zur hauptamtlichen Richterin in Düsseldorf und Daniel Voß zum nebenamtlichen Richter in München, sondern auch Dirk Böttcher zum zuständigen Richter am Amtsgericht Mannheim.
Dirk Böttcher ist Präsident der 14. Zivilkammer des Landgerichts Mannheim. Da die Kammer für Patent- und Kartellverfahren zuständig ist, bringt Böttcher seine Erfahrungen im Wettbewerbsrecht in seine neue Position ein.
Die Vorsitzende Richterin des Zentralgerichts München, Ulrike Voß, wird auch das Ortsgericht München verstärken, indem sie dessen Zweitgerichtsleitung übernimmt. Damit ist sie die einzige UPC-Richterin, die zwei Führungspositionen innehat.
Düsseldorfer Gericht verliert Patentsenat
Der Zweite Zivilsenat wird somit der einzige verbleibende Senat sein, der für Patentsachen zuständig ist.
Experten gehen davon aus, dass in Zukunft immer mehr Unternehmen ihre Ansprüche beim UPC einreichen werden statt bei nationalen Gerichten, was wahrscheinlich zu einer weiteren Einschränkung der Möglichkeiten letzterer führen wird.