Wie Erbschaften die Ungleichheit der Geschlechter verstärken

Wie Erbschaften die Ungleichheit der Geschlechter verstärken

Ungleich geerbt, ungleich besteuert: Wie Erbschaften und Schenkungen die Vermögensverteilung zwischen Männern und Frauen prägen.

Symbolbild von Clemens Fabry

02.07.2025 um 07:01 Uhr

Fügen Sie die Presse auf Google als Ihre bevorzugte Nachrichtenquelle hinzu. von Daria Tisch und Manuel Schechtl

Ein großer Teil des Vermögens in Österreich und Deutschland liegt in den Händen einiger weniger Familien. Vermögen ist nicht nur zwischen den Haushalten ungleich verteilt, sondern auch zwischen Frauen und Männern. Studien deuten darauf hin, dass Frauen aufgrund geringerer Einkommen, längerer Arbeitspausen und spezifischer Geschlechterrollen im Haushalt systematisch weniger Vermögen anhäufen als Männer. Gleichzeitig spielen Erbschaften heute, insbesondere für Frauen, eine wichtigere Rolle bei der Vermögensbildung als früher. Da auch die meisten Erbschaften und Schenkungen auf wenige Personen verteilt werden, verschärft sich die bestehende Vermögensungleichheit zwischen den Haushalten. Aber beeinflussen Erbschaften und Schenkungen auch die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen? In unserer Studie untersuchen wir anhand deutscher Steuerdaten, ob Eltern Unterschiede bei der Weitergabe von Vermögen an ihre Söhne und Töchter machen. Wir analysieren auch, wie das deutsche Erbschaftssteuerrecht zur Vergrößerung der Geschlechterungleichheiten beiträgt.

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Es gibt deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede bei steuerrelevanten Erbschaften und Schenkungen in Deutschland (2007-2020). Schenkungen und Erbschaften erhielten Frauen seltener und waren im Durchschnitt auch von geringerem Wert als Männer. Insgesamt erhielten Frauen im untersuchten Zeitraum 37 Prozent weniger Schenkungswert und 13 Prozent weniger Erbschaftswert als Männer (siehe Abbildung). Unsere Studie zeigt auch, dass Söhne andere Arten von Vermögen erhalten als Töchter. Sie erhalten mit größerer Wahrscheinlichkeit Schenkungen von Betriebsvermögen (1,6-mal häufiger als Tochtergesellschaften) und land- und forstwirtschaftlichen Vermögenswerten (4,5-mal häufiger als Tochtergesellschaften).

Nummern nach Geschlecht übertragen:

Das deutsche Erbschafts- und Schenkungsteuersystem ist formal geschlechtsneutral konzipiert. Aber Steuergesetze in Kombination mit sexistischen Erbschafts- und Schenkungspraktiken verstärken die Vermögensungleichheit zwischen Männern und Frauen. Ein zentrales Ergebnis unserer Studie ist der sogenannte Gender Tax Gap: Im Durchschnitt zahlen Frauen bei Schenkungen 22 Prozent mehr Steuern als Männer. Bei den Erbschaften ist der Unterschied geringer, beträgt aber immer noch 2 Prozent. Der Hauptgrund für das geschlechtsspezifische Steuergefälle besteht darin, dass Kinder mit größerer Wahrscheinlichkeit Vermögensarten erhalten, die im Steuersystem besonders günstig behandelt werden, etwa Unternehmen. Töchter hingegen erhalten eher Vermögensarten, die weniger Steuervorteile mit sich bringen, sodass Frauen auch bei identischem Vermögen höhere Steuern zahlen als Männer.

Geschlechtsspezifische Erbschafts- und Schenkungspraktiken benachteiligen Frauen sowohl in vermögens- als auch steuerlicher Hinsicht und verstärken bestehende Ungleichheiten weiter. Da Reichtum mit Sicherheit, Status sowie wirtschaftlichem und politischem Einfluss verknüpft ist, sind diese Unterschiede von großer gesellschaftlicher Bedeutung.

Steuersätze nach Geschlecht:

Durch die Abschaffung der Erbschafts- und Schenkungssteuer in Österreich können große Vermögensübertragungen steuerfrei erfolgen. Davon profitieren vor allem diejenigen, die bereits über ein beträchtliches Vermögen verfügen. Viele Sozialwissenschaftler diskutieren daher die Wiedereinführung einer solchen Steuer als Instrument zur Förderung sozialer Mobilität und Chancengleichheit sowie zur Verringerung der Vermögensungleichheit. Die Debatte über die Erbschafts- und Schenkungsbesteuerung in Österreich sollte nicht nur aus finanzpolitischer Perspektive geführt werden, sondern auch geschlechtsspezifische Auswirkungen berücksichtigen.

Daria Tisch arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Untersucht wirtschaftliche Ungleichheiten, indem es sich auf Vermögensunterschiede zwischen Männern und Frauen konzentriert. Derzeit erforscht er die Rolle der Familie bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Vermögensungleichheit.

Manuel Schechtl ist Sozialwissenschaftler und Assistenzprofessor an der University of North Carolina in Chapel Hill. Es untersucht die Entstehung, den Fortbestand und die Reproduktion sozialer Ungleichheit, Armut und Mobilität. Seine aktuelle Arbeit konzentriert sich auf verschiedene Facetten von Ungleichheit und Vermögensaufbau, mit besonderem Schwerpunkt auf den Auswirkungen von Erbschaften und Erbschaftssteuern.

Weitere Informationen: Tisch Daria, Manuel Schechtl (2024): Der (fiskalische) Geschlechterunterschied bei Elterntransfers. Belege aus Verwaltungsdaten zur Erbschafts- und Schenkungssteuer. Sozioökonomische Überprüfung, doi.org/10.1093/ser/mwae038

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