Die Provenienzforschung an der Goethe-Universität sieht umfassendere Restitutionen vor
Die Johann-Christian-Senckenberg-Universitätsbibliothek (UB) der Goethe-Universität Frankfurt führt seit 2020 eine systematische Sichtung ihrer Bestände durch, um NS-Raubgut zu identifizieren und an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben. Die Provenienzrecherche wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert. Erstmals wurden Bände an die jüdische Gemeinde Frankfurts zurückgegeben, darunter auch Bücher aus der Sammlung einer der bedeutendsten jüdischen Familien der Stadt.
Nach der Übergabe der Bücher an die Universitätsbibliothek in Bockenheim: Dr. Daniel Korn (Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Frankfurt), Dr. Rachel Heuberger (Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Frankfurt), Bernhard Wirth (Leiter des Projekts Provenienzforschung an der UB), Daniel Dudde (Mitglied des Projekts Provenienzforschung), Darleen Pappelau (Mitglied des Projekts Provenienzforschung), Dr. Mathias Jehn (Leiter der Abteilung Kuration, Fachinformation und Beteiligung der UB); (Foto: Melanie Baunemann)
Zahlenmäßig handelte es sich um eine vergleichsweise geringe Restitution: Fünf Bände wurden an die Einrichtungen der Universitätsbibliothek (UB) geliefert. Das Besondere an diesem Anlass war, dass SU zum ersten Mal Bücher an die Frankfurter jüdische Gemeinde zurückgab. Darunter befanden sich Bände, die zuvor Personen gehörten, die für die Vorgängergemeinschaft von zentraler Bedeutung waren. Julius Blau (*1861), Rechtsanwalt und Notar, war von 1903 bis zu seinem Tod 1939 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde und engagierte sich in zahlreichen jüdischen Hilfsorganisationen. In seine Amtszeit fielen Meilensteine wie der Bau der Westend-Synagoge (1910) und des Philanthropins, der historischen jüdischen Schule der Stadt, in der Hebelstraße (1908), aber auch die frühen Jahre der NS-Zeit. Sein Sohn Ernst (*1892) arbeitete als Bibliothekar für die israelitische Gemeinde, emigrierte 1939 nach Frankreich und starb 1941 im Konzentrationslager Gurs. Zwei weitere Bücher stammen aus der Gemeindebibliothek selbst oder aus dem „Tagesheim der erwerbslosen jüdischen Jugend“.
„Herr Justizrat Dr. Blau, mit freundlichen Grüßen von Vf“ steht handschriftlich in einer Veröffentlichung im „Frankfurter Sammelkatalog“, zusammengebunden mit anderen Heften in einem Band. Eine weitere Broschüre aus demselben Band trägt ein personalisiertes Exlibris, das „Dr. Ernst Blau“, Sohn von Julius Blau, als Besitzer ausweist. Eine Kopie von Nahum Norbert Glatzers „Geschichte der talmudischen Ära“ ist an einem Siegel der israelitischen Gemeinde zu erkennen, während die „Allgemeine Enzyklopädie“ ein Siegel des Tagesheims für arbeitslose jüdische Jugendliche trägt. Dem Provenienzforschungsteam der UB liegen nicht immer so eindeutige Hinweise auf Vorbesitz vor. Der genaue Weg, über den die Bücher in den Bibliotheksbestand gelangten, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Aufgrund der Katalogisierungsdaten ist jedoch klar, dass die Bände vor dem Ende des NS-Regimes eingetroffen sein müssen.

Obwohl es sich bei den restituierten Büchern nicht um wertvolle oder seltene Ausgaben handelt, ist ihre Rückgabe für die Frankfurter Jüdische Gemeinde von großer Bedeutung: „Für uns ist dies eine sehr wichtige Anerkennung des Unrechts, das den Juden in Frankfurt zugefügt wurde“, sagt Rachel Heuberger, Mitglied des fünfköpfigen Vorstands der Frankfurter Jüdischen Gemeinde und ehemalige Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek, wo sie bis 2019 die berühmte Judaica-Sammlung verwaltete. Stiftung kann die UB ihre Bestände nun systematisch überprüfen. Julius und Ernst Blau sind in der Gemeinde bekannte Persönlichkeiten und ihr Andenken genießt großes Ansehen. Im Jahr 1936 wurde die Israelitische Gemeinde durch einen Erbvertrag als Alleinerbin der Familie Blau eingesetzt. 1964 erhielt er eine begrenzte „Entschädigung“ für die Verluste der Familie, darunter Zahlungen im Zusammenhang mit der Judenvermögenssteuer, der Reichsfluchtsteuer und der Dego-Steuer, die zum Zeitpunkt der Emigration von Ernst Blau erhoben wurde. Während der Novemberpogrome 1938 wurde das Wohnhaus der Familie niedergebrannt.
Vor der Zeit des Nationalsozialismus verfügte die Bibliothek der Israelitischen Gemeinde über 11.531 Werke in 14.085 Bänden, wie der Bibliothekar Dr. Ernst Blau im Jahr 1932 verzeichnete. Dazu gehörten die wertvolle Büchersammlung des Marburger Philosophen Hermann Cohen und als Leihgabe die Sammlung des Frankfurter Orientalisten Raphael Kirchheim. Wie die meisten jüdischen Besitztümer wurde die Bibliothek später von den Nazis beschlagnahmt. Die geborgenen Bücher werden nun in die aktuelle Sammlung der Jüdischen Gemeinde integriert. Angesichts des Ausmaßes der Verluste sei ein Wiederaufbau der ursprünglichen Bibliothek nicht möglich, erklärt Heuberger. Nach Bekanntwerden neuer Verdachtsfälle von NS-Raubgut hofft die Universitätsbibliothek jedoch auf die Durchführung weiterer Restitutionen. „Wir haben noch viel Arbeit vor uns“, sagt Provenienzforscherin Darleen Pappelau.
Das Präsidium der Goethe-Universität hat das Forum Universitätsgeschichte mit dem Ziel ins Leben gerufen, Projekte zusammenzuführen und zugänglich zu machen, die sich mit der Erforschung der Geschichte der Universität und ihrer Sammlungen befassen. Die Provenienzforschung an der UB ist Teil dieses wachsenden Netzwerks.
Die ersten fünf Bücher wurden von der Universitätsbibliothek an die Jüdische Gemeinde Frankfurt zurückgegeben. (Foto: Melanie Baunemann)
Die Bände aus der Sammlung des Bibliothekars Dr. Ernst Blau sind mit einem wunderschönen Exlibris versehen. (Foto: Melanie Baunemann)
Als Vorbesitzer sind auf den Briefmarken die Israelitische Gemeinde oder das Heim für arbeitslose jüdische Jugendliche angegeben. (Foto: Melanie Baunemann)
Über die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (UB JCS) / Die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg ist eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland und bekannt für ihre umfangreichen Sammlungen und Ressourcen. Sie erfüllt vielfältige Funktionen: als Universitätsbibliothek mit zahlreichen Aufgaben auf Landesebene, als wissenschaftliche Bibliothek für die Stadt Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet sowie als Fachbibliothek zur Literatur- und Informationsversorgung auf Bundesebene. https://www.ub.uni-frankfurt.de