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Grüne und Linke wollen von den Erben großer Vermögen mehr Verantwortung fordern. Auch die SPD fordert es, die Union ist jedoch skeptisch. Das Thema könnte zu einer Belastung für Schwarze und Rote werden oder Perspektiven eröffnen.

Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen für sich zu sprechen. Die Steuerbehörden haben im vergangenen Jahr Erbschafts- und Schenkungssteuern in Höhe von 13,3 Milliarden Euro veranlagt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes handelt es sich dabei um einen Maximalwert. Auf die Erbschaftsteuer entfielen 8,5 Milliarden Euro, ein Plus von 9,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Die Steuerstatistik zeigt aber auch, dass in den letzten zehn Jahren rund 460-mal Vermögenswerte im Wert von mindestens 100 Millionen Euro den Besitzer wechselten. Und in mehr als der Hälfte dieser Fälle waren keine Steuern geschuldet. Das geht aus den von der Linkspartei angeforderten Bundesdaten hervor.
Linke und Grüne fordern eine Reform der Erbschaftssteuer
„Ich denke, diese Zahlen verdeutlichen die Aufgabe noch einmal“, sagte Bundestagsabgeordneter Dietmar Bartsch (links) im ARD-Hauptstadtstudio. Ihm zufolge gebe es viele Fälle, in denen auch „bei großem Vermögen“ keine Steuern gezahlt würden. „Diese Lücken müssen geschlossen werden“, sagte Bartsch.
Auch die Grünen im Bundestag sehen ein Problem bei der Erbschaftssteuer. Katharina Beck, finanzpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, stellte klar: „Wer unglaublich viel erbt, zahlt weniger als jemand, der moderat erbt.“ Sie spricht von einer Gerechtigkeitslücke.
Kritik an Ausnahmen für Unternehmenserben
Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sieht Veränderungsbedarf. Dessen Präsident Marcel Fratzscher begründet dies damit, dass kleinere Erbschaften einem drei- bis viermal höheren Steuersatz unterliegen als sehr große Erbschaften.
Einer der Gründe dafür liege in der Regulierung des sogenannten Betriebsvermögens, wie der Ökonom erläuterte. „Wenn (…) Sie ein Unternehmen von Ihren Eltern erben, können Sie dieses Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen völlig steuerfrei bekommen.“ Das gilt zum Beispiel, wenn Sie die Steuerschuld nicht begleichen können, weil das geerbte Vermögen im Betrieb und nicht auf Konten liegt.
Und genau das ist das zentrale Argument der Befürworter solcher Ausnahmen: Ihrer Meinung nach geht es um die Sicherung von Arbeitsplätzen bei einem Generationswechsel an der Unternehmensspitze.
Spahn scheint bereit, über Reformen zu sprechen
Angestoßen wurde die aktuelle Diskussion um die Erbschaftssteuer von jemandem, von dem man das nicht unbedingt erwartet hätte. „Es ist ein Problem: die Vermögensverteilung“, sagte Jens Spahn kürzlich im ZDF. In der Aussendung zeigte sich der Unionsfraktionschef grundsätzlich bereit, über die Reform der Erbschaftssteuer zu diskutieren. Voraussetzung ist, dass die Kontinuität der Unternehmen nicht gefährdet wird.
Das ist es, was Reformgegner befürchten. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU warnte gerade vor den negativen Folgen für Unternehmen.
Und auch höhere Steuersätze lehnt die CSU ab. Parteichef Markus Söder fordert stattdessen eine Regionalisierung der Erbschaftssteuer. „Dann können die SPD-Länder sie erhöhen und wir Bayern werden die Erbschaftssteuer stark senken“, sagte Söder kürzlich in einem ARD-Interview. Ein Vorschlag, der bei der Schwesterpartei CDU nicht gut ankommt.
AfD spricht bereits von „Razzia“
In der Debatte sollte die Union auch darauf achten, wie sich die AfD positioniert. Ihre Fraktionschefin Alice Weidel formulierte es letzte Woche im Bundestag so: „Der nächste Kollaps der CDU wird bei der Erbschaftssteuer sein.“ In seinen Worten kämen die Reformforderungen einem „neuen Vorstoß in den Mittelstand“ gleich.
Doch die SPD bleibt hart: Sie will Änderungen bei der Erbschaftssteuer, mit dem Ziel, dass die „breiten Schultern“ und die „großen, großen Vermögen“ stärker als bisher an der Finanzierung der Gemeinschaft beteiligt werden, wie SPD-Fraktionschef Matthias Miersch vergangene Woche im Bundestag klarstellte.
Offensichtlich bleiben jedoch Zulagen für nahe Angehörige oder Ausnahmen für Erben von selbst bewohntem Wohneigentum bestehen.
ARD-Deutschlandtrend: Knappe Mehrheit für Reform
Sollten die Steuern auf große Erbschaften erhöht werden? 51 Prozent der Befragten des ARD-Deutschland-Aktuelltrends behaupten, dass eine solche Maßnahme in die richtige Richtung gehen würde. 42 Prozent hielten das für falsch.
Besonders große Unterstützung für eine Erbschaftssteuerreform gibt es bei Anhängern der Grünen, der Linken und der SPD. Bei den CDU/CSU-Anhängern entspricht die Zustimmung dem Durchschnitt der Befragten; ist bei den AfD-Anhängern am niedrigsten.
Der Verfassungsgerichtshof befasst sich mit der Erbschaftsteuer
Klar ist: Die Lücken im Bundeshaushalt können so nicht geschlossen werden. Denn die Erbschaftssteuer obliegt den Ländern, nicht dem Bund. Allerdings könnte es in dieser Angelegenheit bald zu Änderungen kommen, denn das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich auch mit der Erbschaftsteuer und eine Entscheidung hierzu steht noch aus. Je nach Ausgang könnten die Sozialdemokraten die erwartete Karlsruher Entscheidung nutzen, um den Druck auf die Union zu erhöhen.
Aus den Reihen der SPD hört man dieser Tage immer wieder, dass jegliche Sozialkürzungen mit höheren Steuern für die Reichen oder diejenigen verbunden sind, die am meisten verdienen. Es braucht ein ausgewogenes Gesamtpaket.
Der „Herbst der Reformen“: Eine Ankündigung, die sich aus Sicht der SPD nicht nur auf den Sozialstaat beschränken sollte.